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Das Oderland
Gibt es Oderland wirklich oder ist der Begriff nur eine Verlegenheitslösung, weil es keinen anderen gibt, wenn man über die Regionen spricht, die sich rechts und links des Flusses erstrecken?
von UWE RADA
Das Oderland hat sich rar gemacht im deutschen Sprachgebrauch. Schon bei Fontane war das so. In seinen Wanderungen diente es nur als Überschrift, unter der dann das Oderbruch beschrieben wurde, eine Dampferfahrt von Frankfurt nach Schwedt sowie das Gebiet "Jenseits der Oder".
Auch der Landkreis Märkisch-Oderland, in dem der Begriff noch steckt, verweist auf auf eine Leerstelle. Auf ein anderes Oderland als das "Märkische", aber welches? Das "jenseits der Oder", das Fontane vor Augen lag, mit Küstrin und Tamsel, heute Kostrzyn und Dąbroszyn?
Gab es also das Oderland jemals oder ist der Begriff nur eine Verlegenheitslösung, weil es keinen anderen gibt, wenn man über die Regionen spricht, die sich rechts und links des Flusses erstrecken, über ihre Geschichte, aber auch ihre Gegenwart. Vielleicht ist das Oderland ja nicht nur durch den Fluss in ein östliches und ein westliches geteilt, sondern auch mit der Zäsur 1945 in ein "Vorher" und ein "Nachher"?
Brücken über Fluss und Zeit
Wo es Teilungen gibt, gibt es auch Brücken. Die über den Fluss und die über die Zeiten. Die Geschichte der Brücke in Frankfurt reicht zwar schon zurück bis zum Jahre 1253, in dem der Markgraf Johann I. Frankfurt die Stadtrechte verliehen und eine erste Oderquerung gebaut hatte. Doch es sollte bis 1819 dauern, bis sich eine feste Brücke vom heutigen Brücktorplatz oder die Oder zur Dammvorstadt spannte.
Frankfurt, das zu diesem Zeitpunkt seine Universität nach Breslau verloren hatte, war immerhin – zumindest etwas – entschädigt worden. Nach dem Wiener Kongress war in Preußen die Provinz Brandenburg entstanden und Frankfurt wurde– neben Potsdam – einer der beiden Regierungsbezirke. Fortan war die Stadt an der Oder zuständig für das Oderland. Denn der Regierungsbezirk Frankfurt umfasste nicht nur die Kreise westlich der Oder, sondern auch die historische Neumark und das Sternberger Land im Osten.
Frankfurt wurde nun auch administrativ zur Brückenstadt. Bauliches Zeugnis ist das Hauptgebäude der Europa-Universität Viadrina im 1903 fertiggestellten Regierungspräsidium. Als 1898 mit seinem Bau begonnen wurde, wurde die Holzbrücke von 1819 abgerissen. Sie war drei Jahre zuvor von der ersten steinernen Brücke abgelöst worden. Über die neue Brücke fuhr nun die Straßenbahn, und auch die Beamten des Regierungspräsidiums mussten sie überqueren, wenn sie in die Gemeinden und Kreise des östlichen Oderlandes fahren wollten, in die Kreise Soldin, Landsberg oder Crossen.
Auf dem Wasserwege war das Oderland schon seit 1668 erschlossen. In diesem Jahr war der Müllroser Kanal fertiggestellt worden, der das Stromsystem der Elbe, zu dem auch die Spree gehört, mit dem der Oder verband. Über den Friedrich-Wilhelm-Kanal, wie er bald hieß, konnten die Kähne aus Berlin über Müllrose in die Oder gezogen werden und von dort stromaufwärts nach Breslau oder auf der Talfahrt nach Stettin. Wer weiter Richtung Osten wollte, ließ sich in Küstrin die Warthe aufwärts bis Landsberg schleppen oder noch weiter über die Netze bis Bromberg. Als Hommage an dieses Netz von Wasserstraßen hat sich die Industriemühle in Müllrose nach ihrer Neugründung 1992 den Namen Oderland-Mühlenwerke gegeben.
Der große Riss
Auch in Polnischen gibt es den Begriff Oderland, weiß die Historikerin Beata Halicka. "Auf Polnisch heißt Oderland Nadodrze", sagt Halicka und schränkt gleichzeitig ein: "Nadodrzesteht zwar für das gesamte Einzugsgebiet des Flusses, wird aber am häufigsten im Zusammenhang mit dem mittleren Lauf der Oder als Środkowe Nadodrze verwendet." Die Region an der oberen Oder heiße in Polen Schlesien, die an der Mündung Pommern, dessen östlicher Teil seit 1945 das polnische Westpommern bildet.
Für das ehemalige Sternburger Land oder die Neumark spiele der Begriff Nadodrze keine Rolle. "Was in der Mitte liegt, war früher Brandenburg", sagt Halicka. "Nach dem Zweiten Weltkrieg geteilt, wurde sein östlicher Teil zum Lebuser Land, heute Wojewodschaft Lubuskie. Der Name entstammt dem kleinen Ort und früheren Bischofsitz Lebus, der westlich der Oder, also in Deutschland liegt."
So hat der Zweite Weltkrieg mit der anschließenden Grenzziehung an Oder und Neiße das damalige Oderland gleich mehrfach geteilt: Geografisch, historisch und auch politisch-administrativ. Im Grunde gibt es seitdem zwei Oderländer. Das deutsche, in dem sich seit der Wende auch der Begriff Ostbrandenburg eingebürgert hat, obwohl dieser historisch die einst zu Brandenburg gehörenden Gebiete östlich der Oder bezeichnete.
Demgegenüber liegt das polnische Oderland, für das die Bezeichnung Ziemia Lubuska ebenfalls auf eine Leerstelle verweist. Anders als in Niederschlesien mit Breslau oder Westpommern mit Stettin gibt es in der Woiwodschaft Lebus keine ausgeprägte regionale Identität. Selbst die administrativen Aufgaben sind verteilt auf zwei Städte: Gorzów Wielkopolski, einst Landsberg an der Warthe sowie Zielona Góra, das als Grünberg einst nicht zum Oderland, sondern zu Schlesien zählte.
In den Dialog treten
Doch diese Teilung ist auch eine Chance. Denn rechts und links der Oder könnte etwas Neues entstehen. Ein neues, deutsch-polnisches Oderland, das mehr wäre als die Erinnerung an das Oderland in der ehemaligen preußischen Provinz Brandenburg. Ein Oderland, dem sich die Menschen in Beeskow ebenso verbunden fühlen wie in seiner polnischen Partnerstadt Sulęcin, in Müllrose ebenso wie in der Partnergemeinde Słońsk, in Seelow ebenso wie in der Partnerstadt Kostrzyn. Ein Oderland, in dem die Geschichte des von Friedrich II. Trocken gelegten Oderbruchs ebenso präsent ist wie die – wegen Geldmangels abgebrochene – Trockenlegung der Warthe oberhalb Küstrins.
Das freilich setzte voraus, dass auch die Polinnen und Polen, die nach 1945 die Neumark und das Sternberger Land besiedelten, Brücken schlagen in die ehemals deutsche Geschichte ihrer neuen Heimat, die bis heute viele als "Polens Wilder Westen" bezeichnen.
Mit welchen Schwierigkeiten das verbunden ist, zeigte das von Studierenden an der Europa-Universität Viadrina gegründete "Institut für angewandte Geschichte" bereits 2008 mit einer bis heute aktuellen Publikation. Im Sammelband "Terra Transoderana" gehen deutsche und polnische Autorinnen und Autoren der Frage nach, ob es eine Identität östlich der Oder geben kann und wenn ja, welche. Immer wieder fallen dabei Begriffe wie "Zwischenland", "vergessenes Kulturerbe", oder ein "Gebiet der Widersprüche". "Anders als in den Kontaktzonen deutscher und polnischer Kulturen wie etwa der Kaschubei oder dem Glatzer Land", schreibt der Historiker Felix Ackermann, "ist eine eigene Erzählung von einem Land an der Oder kaum zu vernehmen." Stattdessen gebe es "die Erinnerung an den untergegangenen Osten Brandenburgs, die Neumark sowie die vorsichtigen Versuche der Rekonstruktion einer neuen Region namens Ziemia Lubuska".
Beziehungsstatus: kompliziert. Inzwischen aber gibt es eine Vielzahl von Initiativen, die sich mit der Geschichte und Gegenwart der Region beschäftigen und so immer wieder neue Anknüpfungspunkte für eine regionale Identität schaffen. Der Denkmalpfleger und Historiker Marceli Tureczek erforscht die Geschichte und Herkunft der Glocken auf der polnischen Seite des Oderlands. Die in Frankfurt lebende Kulturwissenschaftlerin Magdalena Abraham-Diefenbach forscht über Juden und jüdische Friedhöfe im historischen Ostbrandenburg.
So treten die Bewohner der Ziemia Lubuska in einen Dialog mit der Geschichte ihrer Region und knüpfen neue Fäden, die diese Geschichte mit der Gegenwart verbinden.
Ein europäisches Oderland
Folgt dem nun auch ein Dialog über die Grenze hinweg? Wann könnte von einer Neuentdeckung des Oderlands auf deutscher und polnischer Seite gesprochen werden? Entdecken nun auch die Berlinerinnen und Berliner das Oderland. Nicht nur als Bazar wie im "Oder-Center Berlin" in Osinów Dolny, sondern als Kulturlandschaft?
Nach dem Scheitern des "Zukunftszentrums deutsche Einheit und europäische Transformation" in Frankfurt (Oder) – der Zuschlag ging (wenig europäisch) nach Halle – bemüht sich das "Institut für angewandte Geschichte" darum, eine europäische Institution in Frankfurt zu gründen. Gleich dem Pommerschen Landesmuseum in Greifswald oder dem Schlesischen Museum in Görlitz soll in der Oderstadt ein "Haus Brandenburg" entstehen, in dem die Geschichte der Deutschen in der Neumark und dem Sternburger Land ebenso Thema sein soll wie die Grenzverschiebung 1945 und die erzwungene Migration.
"Eine Auseinandersetzung mit der regionalen Geschichte kann für die heutige Bevölkerung Brandenburgs und Westpolens nicht nur tabuisiertes Leid mildern", schreibt Magdalena Abraham-Diefenbach, die diese Initiative mit vorantreibt. "Sie kann helfen, die Entwicklung der gesamten Region besser zu verstehen und Empathie an der deutsch-polnischen Grenze zu stärken."
Das wäre dann tatsächlich etwas Neues: Keine Erinnerung mehr nur an das deutsche Oderland und kein Ringen um eine regionale Identität in der Ziemia Lubuska, sondern ein deutsch-polnisches Oderland als Begegnungsraum zwischen Berlin und Posen – und mitten in Europa.
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von UWE RADA
Das Oderland hat sich rar gemacht im deutschen Sprachgebrauch. Schon bei Fontane war das so. In seinen Wanderungen diente es nur als Überschrift, unter der dann das Oderbruch beschrieben wurde, eine Dampferfahrt von Frankfurt nach Schwedt sowie das Gebiet "Jenseits der Oder".
Auch der Landkreis Märkisch-Oderland, in dem der Begriff noch steckt, verweist auf auf eine Leerstelle. Auf ein anderes Oderland als das "Märkische", aber welches? Das "jenseits der Oder", das Fontane vor Augen lag, mit Küstrin und Tamsel, heute Kostrzyn und Dąbroszyn?
Gab es also das Oderland jemals oder ist der Begriff nur eine Verlegenheitslösung, weil es keinen anderen gibt, wenn man über die Regionen spricht, die sich rechts und links des Flusses erstrecken, über ihre Geschichte, aber auch ihre Gegenwart. Vielleicht ist das Oderland ja nicht nur durch den Fluss in ein östliches und ein westliches geteilt, sondern auch mit der Zäsur 1945 in ein "Vorher" und ein "Nachher"?
Brücken über Fluss und Zeit
Wo es Teilungen gibt, gibt es auch Brücken. Die über den Fluss und die über die Zeiten. Die Geschichte der Brücke in Frankfurt reicht zwar schon zurück bis zum Jahre 1253, in dem der Markgraf Johann I. Frankfurt die Stadtrechte verliehen und eine erste Oderquerung gebaut hatte. Doch es sollte bis 1819 dauern, bis sich eine feste Brücke vom heutigen Brücktorplatz oder die Oder zur Dammvorstadt spannte.
Frankfurt, das zu diesem Zeitpunkt seine Universität nach Breslau verloren hatte, war immerhin – zumindest etwas – entschädigt worden. Nach dem Wiener Kongress war in Preußen die Provinz Brandenburg entstanden und Frankfurt wurde– neben Potsdam – einer der beiden Regierungsbezirke. Fortan war die Stadt an der Oder zuständig für das Oderland. Denn der Regierungsbezirk Frankfurt umfasste nicht nur die Kreise westlich der Oder, sondern auch die historische Neumark und das Sternberger Land im Osten.
Frankfurt wurde nun auch administrativ zur Brückenstadt. Bauliches Zeugnis ist das Hauptgebäude der Europa-Universität Viadrina im 1903 fertiggestellten Regierungspräsidium. Als 1898 mit seinem Bau begonnen wurde, wurde die Holzbrücke von 1819 abgerissen. Sie war drei Jahre zuvor von der ersten steinernen Brücke abgelöst worden. Über die neue Brücke fuhr nun die Straßenbahn, und auch die Beamten des Regierungspräsidiums mussten sie überqueren, wenn sie in die Gemeinden und Kreise des östlichen Oderlandes fahren wollten, in die Kreise Soldin, Landsberg oder Crossen.
Auf dem Wasserwege war das Oderland schon seit 1668 erschlossen. In diesem Jahr war der Müllroser Kanal fertiggestellt worden, der das Stromsystem der Elbe, zu dem auch die Spree gehört, mit dem der Oder verband. Über den Friedrich-Wilhelm-Kanal, wie er bald hieß, konnten die Kähne aus Berlin über Müllrose in die Oder gezogen werden und von dort stromaufwärts nach Breslau oder auf der Talfahrt nach Stettin. Wer weiter Richtung Osten wollte, ließ sich in Küstrin die Warthe aufwärts bis Landsberg schleppen oder noch weiter über die Netze bis Bromberg. Als Hommage an dieses Netz von Wasserstraßen hat sich die Industriemühle in Müllrose nach ihrer Neugründung 1992 den Namen Oderland-Mühlenwerke gegeben.
Der große Riss
Auch in Polnischen gibt es den Begriff Oderland, weiß die Historikerin Beata Halicka. "Auf Polnisch heißt Oderland Nadodrze", sagt Halicka und schränkt gleichzeitig ein: "Nadodrzesteht zwar für das gesamte Einzugsgebiet des Flusses, wird aber am häufigsten im Zusammenhang mit dem mittleren Lauf der Oder als Środkowe Nadodrze verwendet." Die Region an der oberen Oder heiße in Polen Schlesien, die an der Mündung Pommern, dessen östlicher Teil seit 1945 das polnische Westpommern bildet.
Für das ehemalige Sternburger Land oder die Neumark spiele der Begriff Nadodrze keine Rolle. "Was in der Mitte liegt, war früher Brandenburg", sagt Halicka. "Nach dem Zweiten Weltkrieg geteilt, wurde sein östlicher Teil zum Lebuser Land, heute Wojewodschaft Lubuskie. Der Name entstammt dem kleinen Ort und früheren Bischofsitz Lebus, der westlich der Oder, also in Deutschland liegt."
So hat der Zweite Weltkrieg mit der anschließenden Grenzziehung an Oder und Neiße das damalige Oderland gleich mehrfach geteilt: Geografisch, historisch und auch politisch-administrativ. Im Grunde gibt es seitdem zwei Oderländer. Das deutsche, in dem sich seit der Wende auch der Begriff Ostbrandenburg eingebürgert hat, obwohl dieser historisch die einst zu Brandenburg gehörenden Gebiete östlich der Oder bezeichnete.
Demgegenüber liegt das polnische Oderland, für das die Bezeichnung Ziemia Lubuska ebenfalls auf eine Leerstelle verweist. Anders als in Niederschlesien mit Breslau oder Westpommern mit Stettin gibt es in der Woiwodschaft Lebus keine ausgeprägte regionale Identität. Selbst die administrativen Aufgaben sind verteilt auf zwei Städte: Gorzów Wielkopolski, einst Landsberg an der Warthe sowie Zielona Góra, das als Grünberg einst nicht zum Oderland, sondern zu Schlesien zählte.
In den Dialog treten
Doch diese Teilung ist auch eine Chance. Denn rechts und links der Oder könnte etwas Neues entstehen. Ein neues, deutsch-polnisches Oderland, das mehr wäre als die Erinnerung an das Oderland in der ehemaligen preußischen Provinz Brandenburg. Ein Oderland, dem sich die Menschen in Beeskow ebenso verbunden fühlen wie in seiner polnischen Partnerstadt Sulęcin, in Müllrose ebenso wie in der Partnergemeinde Słońsk, in Seelow ebenso wie in der Partnerstadt Kostrzyn. Ein Oderland, in dem die Geschichte des von Friedrich II. Trocken gelegten Oderbruchs ebenso präsent ist wie die – wegen Geldmangels abgebrochene – Trockenlegung der Warthe oberhalb Küstrins.
Das freilich setzte voraus, dass auch die Polinnen und Polen, die nach 1945 die Neumark und das Sternberger Land besiedelten, Brücken schlagen in die ehemals deutsche Geschichte ihrer neuen Heimat, die bis heute viele als "Polens Wilder Westen" bezeichnen.
Mit welchen Schwierigkeiten das verbunden ist, zeigte das von Studierenden an der Europa-Universität Viadrina gegründete "Institut für angewandte Geschichte" bereits 2008 mit einer bis heute aktuellen Publikation. Im Sammelband "Terra Transoderana" gehen deutsche und polnische Autorinnen und Autoren der Frage nach, ob es eine Identität östlich der Oder geben kann und wenn ja, welche. Immer wieder fallen dabei Begriffe wie "Zwischenland", "vergessenes Kulturerbe", oder ein "Gebiet der Widersprüche". "Anders als in den Kontaktzonen deutscher und polnischer Kulturen wie etwa der Kaschubei oder dem Glatzer Land", schreibt der Historiker Felix Ackermann, "ist eine eigene Erzählung von einem Land an der Oder kaum zu vernehmen." Stattdessen gebe es "die Erinnerung an den untergegangenen Osten Brandenburgs, die Neumark sowie die vorsichtigen Versuche der Rekonstruktion einer neuen Region namens Ziemia Lubuska".
Beziehungsstatus: kompliziert. Inzwischen aber gibt es eine Vielzahl von Initiativen, die sich mit der Geschichte und Gegenwart der Region beschäftigen und so immer wieder neue Anknüpfungspunkte für eine regionale Identität schaffen. Der Denkmalpfleger und Historiker Marceli Tureczek erforscht die Geschichte und Herkunft der Glocken auf der polnischen Seite des Oderlands. Die in Frankfurt lebende Kulturwissenschaftlerin Magdalena Abraham-Diefenbach forscht über Juden und jüdische Friedhöfe im historischen Ostbrandenburg.
So treten die Bewohner der Ziemia Lubuska in einen Dialog mit der Geschichte ihrer Region und knüpfen neue Fäden, die diese Geschichte mit der Gegenwart verbinden.
Ein europäisches Oderland
Folgt dem nun auch ein Dialog über die Grenze hinweg? Wann könnte von einer Neuentdeckung des Oderlands auf deutscher und polnischer Seite gesprochen werden? Entdecken nun auch die Berlinerinnen und Berliner das Oderland. Nicht nur als Bazar wie im "Oder-Center Berlin" in Osinów Dolny, sondern als Kulturlandschaft?
Nach dem Scheitern des "Zukunftszentrums deutsche Einheit und europäische Transformation" in Frankfurt (Oder) – der Zuschlag ging (wenig europäisch) nach Halle – bemüht sich das "Institut für angewandte Geschichte" darum, eine europäische Institution in Frankfurt zu gründen. Gleich dem Pommerschen Landesmuseum in Greifswald oder dem Schlesischen Museum in Görlitz soll in der Oderstadt ein "Haus Brandenburg" entstehen, in dem die Geschichte der Deutschen in der Neumark und dem Sternburger Land ebenso Thema sein soll wie die Grenzverschiebung 1945 und die erzwungene Migration.
"Eine Auseinandersetzung mit der regionalen Geschichte kann für die heutige Bevölkerung Brandenburgs und Westpolens nicht nur tabuisiertes Leid mildern", schreibt Magdalena Abraham-Diefenbach, die diese Initiative mit vorantreibt. "Sie kann helfen, die Entwicklung der gesamten Region besser zu verstehen und Empathie an der deutsch-polnischen Grenze zu stärken."
Das wäre dann tatsächlich etwas Neues: Keine Erinnerung mehr nur an das deutsche Oderland und kein Ringen um eine regionale Identität in der Ziemia Lubuska, sondern ein deutsch-polnisches Oderland als Begegnungsraum zwischen Berlin und Posen – und mitten in Europa.
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