Die Ausstellung "Mark und Metropole" beschreibtdas Verhältnis von Berlin und Brandenburg auch als wirtschaftlicheund kulturelle Kolonisierung. Und erzählt nebenbei vom Trost derGeschichte
von UWE RADA
"Was Werder für den Obstkonsum der Hauptstadt ist, das ist Glindow für den Ziegelkonsum." Nüchtern und sachlich beginnt Theodor Fontane 1873 seine Reportage über das märkische Glindow. "In Werder wird gegraben, gepflanzt, gepflückt - in Glindow wird gegraben, geformt, gebrannt."
Doch dann schleicht sich ein für Fontane seltener Tonin die Beschreibung ein: "Aber diese […] Bilder lassen die Kehrseite nur umso dunkler erscheinen: die Lehmstube mit dem verklebtenFenster, die abgehärmte Frau mit dem Säugling in Loden. Die hageren Kinder, die lässig durch den Ententümpel gehen."
Theodor Fontane, der Berliner Apothekersohn und Romancier, ist hierzulande vor allem als Autor der "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" in die Geschichte eingegangen - und damit als Erfinder der Mark, wie wir sie noch heute sehen: blaue Seen, grüne Wälder, ehrwürdige Herrensitze. Möglich geworden war diese Erfindung durch eine Entfremdung. Je weiter die Industrialisierung in Berlin voranschritt, desto weniger Mark war in der Hauptstadt zu erkennen. Also gründeten die Berliner ihr Märkisches Museum und machten sich auf, die Mark mit Fontanes Augen neu zu entdecken.
Und dann das: Glindow, abgehärmte Frauen, hagere Kinder. Auch in der Stadt, die das explodierende Berlin mit Ziegeln versorgte, ist die Industrialisierung angekommen. Zehn Jahre nach dem Beginn seiner Wanderungen kratzte der Erfinder der Mark an dem Bild, das er selbst entworfen hatte - und beschrieb die Geschichte Berlins und des Umlandes nolens volens auch als Geschichte einer Kolonisierung.
Es gehört zu den Leistungen der Ausstellung "Mark und Metropole", bei der Suche nach den Wechselbeziehungen zwischen Berlin und Brandenburg die gängigen Erklärungen auf den Kopf zu stellen: Glindow versorgt Berlin mit Ziegeln, die Kachelöfen kommenaus Velten und die Ammen aus dem Spreewald. Im Gegenzug, so die Vorstellung vom gleichberechtigten Austausch von Waren und Gütern, brachte Berlin der Mark Touristen und allerlei Anstalten - die Beelitzer Heilstätten für Lungenkranke oder die Nervenheilanstalt in Dalldorf (das sich wegen des Spotts über seinen Namen bald in Wittenau umbenannte).
Das Beispiel Glindow aber zeigt, dass es bei diesem Austausch durchaus Gewinner und Verlierer gab. Nicht nur der märkische Charakter Berlins ging mit der Industrialisierung verloren, sondern auch die soziale Ordnung auf dem Lande.
Die von Andreas Bernhard kuratierte Ausstellung geht diesem Verlust nach, in dem sie Fontanes Begriff der Wanderungen gegen den Strich bürstet. Die Bevölkerungsexplosion, die Berlin innerhalb weniger Dekaden zur drittgrößten Stadt der Welt nach New York und London machte, war schließlich nicht denkbar ohne die Zuwanderung ungelernter Arbeitskräfte und Dienstboten aus Brandenburg. Eine Wanderung übrigens ohne Rückfahrschein. "Die verbliebene Landbevölkerung", heißt es auf einer Tafel, "betrachtete die nach Berlin Gezogenenals ,Abtrünnige', was eine Rückkehr weitgehend unmöglich machte."
Einen Sonderstatus unter den Berlin-MigrantInnen nahmen die Ammen aus dem Spreewald ein. Sie waren, ähnlich wie die Schweizer Ammen in Paris, in der Berliner Gesellschaft hoch angesehen - und konnten nach getaner Arbeit wieder zurück in ihre Heimat. Dies verhinderte freilich nicht, wie es August Bebel 1879 drastisch formulierte, dass die"Ammenzüchterei gewerbsmäßig betrieben" wurde. Tatsächlich wurden viele Frauen in den Spreewalddörfern zur Schwangerschaft gedrängt, damit sie in Berlin der lohnenden Tätigkeit nachgehen konnten. Das uneheliche Kind blieb bei den Großeltern, der Vater, meist ein Rekrut, war längst weitergezogen. Ein bislang weitgehend unerforschtes Kapitel Berlin-Brandenburger Beziehungsgeschichte, wie Kurator Bernhard betont.
Fast schon symbolisch für das Verhältnis von Mark und Metropole werden die Spreewaldammen aber wegen ihrer äußeren Erscheinung. Ihre sorbischen Trachten nämlich legen sie in Berlin nicht ab, vielmehr werden sie demonstrativ zur Schau gestellt, was auf Julius Jacobs Gemälde "Der Wilhelmplatz im Frühling"von 1886 eindrucksvoll zu sehen ist. Der Grund: Der Spreewald war die erste touristisch erschlossene Region Brandenburgs und eines der beliebtesten Reiseziele der Berliner.
"Neben den ,Werderschen' (Obstverkäufern aus Werder; d. Red.) waren die Spreewälder Ammen somit die einzigen Brandenburger, die als solche in Berlin zu erkennen waren", meint Kurator Andreas Bernhard. So schufen sich die Berliner nicht nur bei ihren Fontane-Wanderungen durch die Mark, sondern auch mitten in der Stadt jenes Bild von Brandenburg, das sie am liebsten hatten. Auch das ein Akt der Kolonisierung.
Dass die Jahrzehnte der ersten Gründerzeit - in die auch der Bau zahlreicher Villenkolonien fiel - den größten Raum der Ausstellung einnehmen, kann man kritisieren, muss es aber nicht. Trotz aller Diskontinuitäten und Brüche, die die Geschichte Berlins und seines Umlands von anderen Metropolregionen Europas unterscheiden, sind vor allem die Kontinuitäten verblüffend. In Zeiten großer Veränderungen gehört der Rückgriff auf die Geschichte offenbar zu den elementaren Überlebenstechniken. Das ist mit den beschlossenen Kopien der Stadtschlösser in Berlin und Potsdam nicht anders als zu Fontanes Zeiten. Der "Neuerfindung der Mark" war schließlich die Gründung zahlreicher Geschichtsvereine vorausgegangen.
Die Ziegelei in Glindow arbeitet übrigens schon lange nicht mehr. Anfang des 20. Jahrhunderts gingen die Tonvorräte zur Neige, 1935 gab es nur noch zwei Ziegeleien. Der letzte Ringofen wurde 1962 stillgelegt.
Käme heute ein Fontane ins Havelland, würde er nicht von Ziegeln berichten, sondern davon, wie die Touristen über die "Glindower Alpen" steigen - jene Abraumhalden, die die Industrialisierung der Mark im Dienste Berlins hinterlassen hat. Mit Kolonisierung hat das nichts mehr zu tun. In Zeiten der Schrumpfung bilden sich andere Abhängigkeiten heraus als in Phasen stürmischen Wachstums. Aber das ist eine andere Geschichte, die in einer anderen Ausstellung erzählt werden muss.
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